Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition) by Böll Heinrich

Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition) by Böll Heinrich

Author:Böll, Heinrich [Böll, Heinrich]
Language: deu
Format: epub
Publisher: eBook by Kiepenheuer&Witsch
Published: 2009-09-20T22:00:00+00:00


Eine Art Zusammenfassung erscheint hier angebracht, auch ein paar Fragen, die der Leser selbst beantworten muß. Zunächst die statistischen und äußeren Details. Wer sich Pelzer zigarrerauchend, ein wenig schmierig vorstellt, irrt. Er war (und ist) sehr sauber, maßgeschneidert angezogen, trug und trägt ständig modische Krawatten, die sogar dem siebzigjährigen Pelzer noch stehn. Er raucht Zigaretten, war und ist ganz und gar Herr, und wenn er hier auch einmal spuckend geschildert wird, so muß hinzugefügt werden: er spuckt sehr selten, fast nie, und in dem hier geschilderten Fall hat sein Spucken die Funktion einer historischen Interpunktion, möglicherweise auch die Andeutung einer Parteinahme. Er wohnt in einer Villa, die er nicht Villa nennt. Er ist 1,83 m groß, wiegt – nach Aussagen seines Sohnes, der Arzt ist und ihn behandelt – 78 kg, hat sehr volles, ehemals dunkles, nun ganz leicht ergrautes Haar. Muß er tatsächlich als das klassische Beispiel des mens sana in corpore sano gelten? Hat er je L. 2, hat er T. und W. gekannt? Obwohl bei ihm eine fast totale Selbstgewißheit des Seins vorzuliegen scheint, würde keines der acht im Paragraphen über L.1 angeführten Adjektive auf sein L.1 anwendbar sein, und wenn schon hin und wieder ein Lächeln bei ihm fällig war, glich es eher dem der Mona Lisa als dem des Buddha. Nimmt man ihn als einen Menschen, der äußere Konflikte nicht scheut, innere nicht kennt, der ohne jeden inneren Konflikt bis zum Jahre 1944 vierundvierzig Jahre alt geworden ist, den Betrieb seines Vaters ums Fünffache erweitert hat, auch »Mist des Kleinviehs« nicht scheut, so muß man sich klarmachen, daß er im relativ hohen Alter von vierundvierzig zum erstenmal aus der totalen Selbstgewißheit seines Seins herausgeschleudert wurde, nur ängstlich Neuland betritt.

Nimmt man noch eine seiner hervorstechenden Eigenschaften hinzu, eine fast schon unangemessen starke Sinnlichkeit (seine Frühstücksgewohnheiten gleichen denen Lenis aufs Haar), so kann man sich vielleicht vorstellen, in welchen Konflikt er nun ab Mitte 44 geriet. Nimmt man als bei Pelzer hervorstechende Eigenschaft noch eine fast unangemessen hohe Vitalität hinzu, so kann man sich vorstellen, in welchen Konflikt er nach Juli 44 geriet. Der Verf. ist da in den Besitz einer wichtigen Detailinformation gelangt, die Pelzers Verhalten ungefähr bei Kriegsende charakterisieren mag. Am 1. März 1945, wenige Tage bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten, erklärte Pelzer schriftlich und eingeschrieben seinen Austritt aus Partei und SA, distanzierte sich von den Verbrechen dieser Organisation, erklärte sich (die beglaubigte Abschrift des Briefes kann beim Verf. eingesehen werden) »für einen anständigen deutschen Menschen, der hereingefallen und verführt worden ist«. Er muß tatsächlich ungefähr am Vorabend des Einmarschs der Amerikaner ein noch arbeitendes deutsches Postamt oder jedenfalls einen urkundsbevollmächtigten deutschen Postbeamten aufgetrieben haben. Auch die Einschreibequittung, wenn auch durch einen Pleitegeier verunziert, liegt vor. Als die Amerikaner einmarschierten, konnte Pelzer also wahrheitsgemäß versichern, er sei nicht Mitglied einer Nazi-Organisation. Er bekam eine Lizenz zum Betreiben einer Gärtnerei, einer Kranzbinderei, da auch nun, wenn auch erheblich reduziert, das Beerdigen weiterging. Pelzers Kommentar zur Unerschütterlichkeit seines Gewerbes: »Gestorben wird immer.«

Zunächst hat er aber



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